Hallo ihr Lieben,
nun, wie versprochen, endlich der zweite Teil meines Fahrradausfluges.
Der Weg nach Utrecht hat sich etwas länger als geplant gestaltet und wir sind dort erst gegen 23:00 angekommen. Einmal angekommen war es dann auch noch sehr kompliziert unseren Host zu finden. Nachdem wir aber geschätzte 50 Leute nach dem Weg gefragt hatten, bei ca. 10 Häusern – um mittlerweile 24:00 -geklingelt hatten und Teile von Utrecht mehrmals unfreiwillig besichtigt hatten, haben wir es dann doch geschafft. Unsere Bleibe war diesmal ein besetztes Haus, wo neben den drei Bewohnern auch 5 Hunde und 3 Katzen wohnten. Neben uns waren dann auch noch 2 Couchsurfer aus Lettland im Haus abgestiegen, mit denen wir uns sehr schnell anfreunden konnten.
Das besetzte Haus war sehr beeindruckend. Es gab elektrischen Strom, eine eigens gebaute Dusche, funktionierende sanitäre Einrichtungen und einen riesigen Garten mit Obst und Gemüse. Andererseits hatten die Bewohner auch Probleme mit Mäusen und die Eingangstüre war defekt, und alles war doch etwas heruntergekommen. Dafür, dass die Besetzer jedoch alles selbst gebaut hatten, fand ich es doch sehr beeindruckend.

squatt garden

squatt house
Am nächsten Tag ergab sich dann auch noch die Möglichkeit, mit anderen Häuserbesetzern zu reden und sich ihre Motivation anzuhören. Ohne zu sehr verallgemeinern zu wollen, lassen sich die Utrechter Hausbesetzer grob in 2 Gruppen einteilen. Die einen, welche Hasubesetzungen als Form eines politischen Protestes gegen hohe Mietpreise bzw. allgemeine Wohnungsknappheit verstehen und Trittbrettfahrer, welche gerne den ganzen nur faul auf der Haut liegen wollen und Häuser besetzen um das gespaarte Mietgeld dann in Drogen zu investieren.
Interessanterweise war die zweite Gruppe deutlich geringern, so dass die meistens Leute mit denen ich mich unterhalten habe eine klare politische Motivation neben einem festen Job aufzuweisen hatten. Interessant fand ich auch eine Give-Away-Börse in einem besetzen Haus wo man Dinge die man nicht mehr benötigt hinbringt und sich alles was man benötigt einfach ohne dafür zu zahlen, bzw. selbst etwas in die Börse zu geben, einfach mitnehmen konnte. Ein weiteres besetztes Haus hatte dann einen Fahrradladen, wo man umsonst sein Fahrrad richten lassen konnte, was wir jedoch nicht in Anspruch genommen haben.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass ich die Besetzerszene vorallem als Soziologe sehr interessant fand. Die meisten Besetzer versuchen eine alternative Lebensform zu finden die ihnen mehr zusagt als ein standardisiertes Leben, ohne dabei jedoch als Sozialschmarrotzer dastehen zu wollen, was ich unter dem Gesichtspunkt einer sozialen Dynamik sehr bewundernswert finde.
Unser bzw. mein positiver Eindruck wurde jedoch dadurch getrübt, dass Eduard in Utrecht seinen Geldbeutel verloren hatte, den wir vorerst nicht wieder fanden. Nach 2 Tagen in Utrecht haben wir uns dann, ohne vom Geldbeutel zu wissen wieder auf den Weg weiter nach Breda gemacht. Nachdem wir Utrecht verlassen hatten, hat Eduard dann einen Anruf der Universität Groningen bekommen, dass sein Geldbeutel gefunden wurde.Da wir aber schon zu weit weg von Utrecht waren, sind wir nicht nochmals zurück gefahren.
Erleichtert sind wir dann ohne weitere Schwierigkeiten (An das Wetter hatten wir uns mittlerweile gewöhnt) nach Breda gefahren. Wieder spät in Breda angekommen, sind wir dann ohne weitere Umwege zu unserem Host gefahren.
Unsere Gastgeberin war ein sehr spezieller Mensch. Durch meinen Kurs über Psychopathologien etwas sensibilisiert, war ich gleich etwas kritisch als wir die Wohnung betraten und diese nahezu leer war. Obwohl unsere Gastgeberin dort schon einige Zeit wohnt, waren die Wände komplett leer, das Mobiliar waren alles sterile Metall-Glas Konstruktionen und die einzige Deko waren 3 kleine chinesische Vasen die auf einem Regal standen. Zusätzlich war alles detailiert angeordnet und kategorisiert. Meine erste vermutung einer Zwangsstörung sollte sich dann am nächsten Morgen noch bestätigen.
Nachdem ich am Morgen noch halb verschlafen auf den Balkon ging hatte ich leider übersehen, dass dort kurz zuvor die Maler den Boden neu gestrichen hatten. Ich bin dann aus Schreck gleich wieder zurück ins’ Haus was leider einen Farbfleck auf dem Parkett hinterlies. Als unsere Gastgeberin mein Malheur bemerkte ist sie gleich sehr hysterisch geworden und hat mir, ohne dass ich überhaupt etwas sagen konnte, gleich mit den Anwälten ihrer Eltern gedroht und ich müsse den Boden bezahlen. Nachdem sie sich dann aber meinen Vorschlag durch den Kopf gehen hat lassen, doch zuerst einmal zu versuchen den Boden mit Wasser zu reinigen, konnten wir uns auf darauf verständigen nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. als sie endlich einen speziellen Reininger für Parkettböden gefunden hatte, und die Stelle 10 Minuten lang geschrubbt hatte (Meiner Meinung nach war der Fleck schon nach 10 Sekunden weg) war sie wieder etwas zufriedener und ich musste mich nicht mehr mit dem Gedanken beschäftigen ein niederländisches Gericht von innen zu sehen….
Aufgrund dieser Geschichte war ich dann nicht weiter traurig, dass wir uns am selben Tag früh auf den Weg nach Antwerpen machen konnten. Auch dieser Weg verlief ohne weitere Zwischenfälle. Als wir die Grenze nach Belgien überquert hatten, haben wir dann erstmal einen kurzen Halt eingelegt um uns unserer großen Tat bewusst zu werden.

belgium, for shizzle
Belgien war dann auch auffallend anders im vergleich zu den Niederladen. Es war etwas schmutziger dort mit viel mehr Müll auf den Straßen, die Straßen hatten viel seltener einen Fahrradweg und man sah sehr viel mehr Viertel mit einer homogenen Bevölerkungsstruktur. Was ich aber besonders schön fand, war, dass es sehr viele tolle Automaten gab. Es gab z.B. Brotautomaten vor Bäckereien wo man 24/7 an frisches Brot kommen konnte und am allertollsten einen Erdbeerautomaten :

strawberry

jammi
In Antwerpen angekommen (Durch Erdbeeren gestärkt), haben wir uns dann gleich auf den Weg zu unserer Gastgeberin gemacht die uns an einem zentralen Ort abgeholt hat. Somit hatten wir auch das erste Mal keine Probleme unseren Host direkt zu finden, was sehr angenehm war. Zwar wollten wir eigentlich Andrews’ bevorstehenden Abschied feiern, und Eduards’ Geburtstag der am nächsten Tag war, da Eduard aber aus Müdigkeit einfach einschlief sind dann Andrew und Ich nur noch gemütlich mit unserer Gastgeberin auf ein Glas Wein zusammen gesessen und haben uns für den nächsten Tag beraten lassen. Schönerweise hat unsere Gastgeberin dann auch noch einen Geburtstagskuchen für Eduard besorgt, über den er sich sehr gefreut hat am nächsten Tag.
Antwerpen ist eine wunderschöne Stadt, die eine beeindruckendende Architektur aufweisen kann. Hier nur 2 paar ausgewählte Bilder

house

house 2
Eigentlich wollte ich zwar keinen dritten Teil mehr machen, aber da ich mittlerweile schon sehr lange an diesem Artikel sitze und das Straßenfestival in Gent, unseren Rückweg nach Utrecht, Andrews’ Abschied, und Eduards’ Geldbeutelübergabe nicht einfach so anreißen möchte, muss ich Euch leider doch auf einen dritten teil vertrösten, der hoffentlich wieder die nächsten Tage kommt.
Liebe Grüße,
Ben